Gerda Eckelt  
  Kde domov můj:
Mit unser Generation endet eine Zeitepoche
Wer soll später einmal darüber erzählen?
 
 
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  Die Aussiger Handelsakademie in der Schmeykalstraße.

 I. Vorwort

 
  Eine  Fülle von Erinnerungen und Rückblicken an eine Zeit von Gestern liegt über der Geschichte, der für viele von uns noch miterlebten AKA.
 
  Aber auch schon vor uns gab es Studenten und Professoren in diesem für uns allen heiligem Gebäude unserer Jugendjahre.
In
  der ehemaligen Österreich-Ungarischen Monarchie im Kronland Böhmen.

Zu verschiedenen feierlichen Anlässen sang man damals Die Hymne der Monarchie: „Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser unser Land… “ Die Melodie von Josef Haydn.

In der damaligen Gedankenwelt der Studenten blieb der Tag des Attentates von Sarajewo erhalten. Am 14.Juni 1914 hat in der Tat die Selbstverstümmelung Europas begonnen, deren schmerzhafte Folgen wir noch heute spüren.

Das ging auch uns an, die Deutschen in Böhmen, ein großer Teil der großen Österreich-Ungarischen Monarchie mit ihrer reichen Geschichte, den  geistigen Wissenschaften, entwickelten Formen der bildenden Künste, vor allem der Literatur, der unsterblichen
  Musik und vieles, vieles andere mehr. Bis heute noch prägt diese Zeitepoche den kulturellen Nachlass und wird weiterhin den Folgegenerationen präsentiert!
 
Dann kam das Ende der langen Zeitepoche und Amtsperiode Kaiser Franz Josef´s I. Alle unsere Vorfahren kamen in dieser Zeit zur Welt.

Die Entstehung der Tschechoslowakischen Republik, da sangen wir die
  Staatshymne: „Wo ist mein Heim, mein Vaterland…“ von  Franz Johann
Škroup aus dem Jahre 1834.
Der tschechische Text von Josef Kajetan Tyl wurde Anfang der 20.Jahre für die Anwendung in deutschen Schulen von W. K. Ernst übersetzt.
Wenn wir alle nationalen und ideologischen Ansichten bei Seite lassen, blieb der besinnliche Inhalt des Textes für alle die Dagebliebenen und Vertriebenen ein nicht weg zu denkender Begriff. Die tschechoslowakische Staatshymne in ihrer deutschen Fassung haben wir Sudetendeutschen ohne Aversionen gesungen und sie auch schön befunden.
 
  Präsident T.G. Masaryk haben wir verehrt. Bei einer Gedenkfeier im Jahr 1938 zu seinen Ehren (Er war  Ehrenbürger von Aussig, obwohl er niemals unsere Vaterstadt besucht hat!) zur Enthüllung seiner Statue in Schreckenstein, sind die deutschen Verbände genauso aufmarschiert wie die tschechischen Vereine.  
     
  Über all die uns auf gebührten furchtbaren Ereignisse der Nachkriegszeit blieb das ehemalige Kronland Böhmen unsere wirkliche Heimat, denn dort irgendwo und irgendwann war unser doheeme!  
     
  1938 - das Dritte Reich. Für viele von uns noch auf dieser Erde wandelnden schon ein ganz realer Erinnerungsfaktor.

Wir waren dabei als das Deutschland- mit dem Horst- Wessel- Lied gesungen wurde – bei verschiedenen Zusammenkünften und Veranstaltungen, welche
  immer in der Turnhalle im AKA-Gebäude stattfanden. Noch heute lebt der Ehrenfahnenträger Jahrgang 1929) und alle noch Lebenden erinnern sich an dieses Geschehen.

Warum ich das alles schreibe: Es gibt eben immer gewollte oder nicht gewollte Zusammenhänge, die eine Mosaik der Begebenheiten in den miterlebten Zeiten, besonders in diesem konfliktreichen 20. Jahrhundert, ergeben.

Dann der trostlose grausame zweite Weltkrieg, der sich natürlich auch auf die Handelsakademie auswirkte.

Das Leben ging weiter in anderen Verhältnissen, Einflüssen, Ungerechtigkeiten im ehemaligen Deutsch - Böhmischem Grenzland. Aus dem jahrhundertelangen deutschen Sprachgebiet entstand durch die Vertreibung für uns Dagebliebenen ein anderes Lebensgefühl.

Und doch, die AKA überlebte. Es war für die damaligen Professoren und neuen Studenten auch keine so einfache Zeit in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Ein anderes totalitäres Regime beeinträchtigte den Lebenslauf bis zur „samtenen Revolution“. Die AKA konnte ihre ursprünglichen Vorstellungen wieder realisieren und in das normale Leben einbringen.


In diesem angeführten Zeitgeschehen der AKA Geschichte wurden in den einzelnen
  Zeitumständen die Studenten immer irgendwie beeinflusst aber auch geprägt. In den über 120 Jahren ergaben sich durchaus konkrete  Begebenheiten, welche keine neuen und anderen Aufarbeitungen benötigen. Die subjektiven Erinnerungen werden immer eine geschichtliche Beschreibung beeinflussen. Ja, die Klassenzimmer mit ihren Fußböden, Schulbänken und Fenstern können all das mit uns erlebte bezeugen. Immer gingen da Menschen ein und aus. Ob es nun die Studenten waren oder die Professoren (Studienräte), der AKA oder WO, wie man sie auch einmal nannte. Bis zur Matura, später dann Abitur oder wie wir bis zur Schließung  der AKA in den Jahren 1944 – die Jahrgänge bis 1928 und im April 1945 die jüngeren Jahrgänge. Diese „übersiedelten“ in der zweiten Jahreshälfte 1944 in die Schule am Richard-Wagner-Platz, wo jetzt das Stadtmuseum rekonstruiert wird. Einen Teil übernimmt das Collegium Bohemicum, welches sich mit der Bearbeitung der deutsch-tschechischen Historie befasst. Schulzeugnisse des letzen Schuljahres wurden von der alten Lehrerschaft nach der Kapitulation im Mai und Juni 1945 den Studenten ausgehändigt.
 
     
  Wir alle haben konkrete Erinnerungen – diese sollten aufgezeichnet und damit auch weiter für die Nachwelt erhalten bleiben. Also  nicht nur die historischen Daten, Ereignisse und Erlebnisse, in welche wir alle hinein katapultiert wurden. Schließlich kann doch niemand dafür wann und wo er das Licht der Welt erblickte.  
     
  Auch ich erlebte die AKA in zwei Zeitepochen und bin mit vielen Mitschülern  noch in Verbindung.

Nach Bürgerschulabschluss im
  Jahre 1942 studierte ich auf unserer AKA, sie nannte sich damals Wirtschaftsoberschule. Die Lehrfächer waren anders als in den früheren Zeiten angeführt – Leibeserziehung an erster Stelle – schließlich brauchte man stramme Kerle und Mädels. Was die Sprachen anbetrifft außer Deutsch natürlich und Englisch, konnte man sich die Zweitsprache selbst wählen, entweder Französisch oder Tschechisch, was ich als gewisse Toleranz in dieser Zeit betrachte. Diese Wahl brachte mir dann einen Vorteil in den 50. Jahren. Ich konnte in einem Abendkurs nur drei Jahre bis zum Abitur studieren. Man hatte es mir auf einen Antrag des Schulministeriums bewilligt. Das Abitur legte ich in Tschechisch und Russisch ab, obwohl ich Tschechisch nur als Wahlfach hatte. Es war für mich damals überhaupt nicht einfach - ohne tschechische Schulbildung und Russischkenntnisse. So war es eben.

Wieso dieses Entree und meine Leitgedanken zur
  AKAgeschichte? Alle, die oben angeführten Zusammenhänge mussten  wir alle in den Wirren und Wenden der Zeiten in Kauf nehmen und akzeptieren. Es gab keine anderen Möglichkeiten. Was nützen uns die historischen Meilensteine, wenn wir uns auch nicht mit den eigenen Erlebnissen in den uns auferlegten  Zeitumständen befassen und auch in dieser Gedankenwelt integriert bleiben?

Bevor
  ich nun zur eigentlichen Historie des  Werdeganges der Aussiger AKA schreite, möchte ich Euch alle bitten: Hinterlast doch auch Eure Erinnerungen, Erlebnisse, ob sie nun so, oder so waren – es hatte sich immer irgendwie  ergeben.
 
 

Die Heimat lädt Dich ein
Sei zu ihr lieb, es könnte einmal sein
dass nichts Dir blieb.

 
     
  Auch ich schaue zurück, weil es mich fasziniert, was im Laufe meines langen Lebens alles geschehen ist.  
  II. Die Gründerzeit – die erste Jahrhunderthälfte
 
  Historische Rückblicke in die über 120 Jahre existierende Handelsakademie in der Schmeykalstraße (jetzt Pariser Straße genannt) in Aussig. Der Straßenname beruht auf den Tätigkeiten des Rechtanwaltes Dr. Franz Schmeykal aus Böhmisch Leipa, früher Leipa in Böhmen (1826-1894). In der Zeit der Österreich - Ungarischen Monarchie war Dr. Schmeykal aktiver Repräsentant und Sprecher der Deutschen in Böhmen. Auf seinem ehemaligen Denkmal in Böhmisch Leipa war folgender Text angeführt:  
  “Deutsche in Böhmen, seid einig und stark“.  
  Die Altösterreichische Straßenbezeichnung blieb auch weiterhin in der CSR und im  Dritten Reich ein all bekannter Orientierungsfaktor in unserer Stadt.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts änderte sich die Stadt Aussig in Bezug auf ein neues wirtschaftliches Niveau. Besonders beeinflusst durch den Braunkohlenbergbau, die sich schnell entwickelnde Industrie. Die Einwohnerzahl änderte sich zusehends. Im Jahre 1833 hatte Aussig nur 1759 Einwohner und 321 Häuser. Peterswald zum Beispiel zu dieser Zeit - 2242 Einwohner und 375 Häuser. Im Jahre 1900 lebten in unserer Stadt schon 52311 Einwohner in 3111 Häusern!

Diese Umstände erforderten ein neues Engagement in Richtung Verkehr (Eisenbahn, Elbeschifffahrt), kaufmännische Aktivitäten. Im Schönpriesener Hafen wurden mehr Waren, Güter und Kohle umgeladen, als im größten Seehafen Österreich-Ungarns in Triest !
 
     
  In all diesen Zusammenhängen waren geschulte und qualifizierte administrative Arbeitskräfte eine der Zeit entsprechende Notwendigkeit.

Dementsprechende Schulen gab es damals nur in Prag, Wien und in Deutschland und konnten deshalb dieses aktuelle Problem in seinem Umfang in dieser nordböhmischen Region nicht lösen. Schon im Jahre 1879 gab es die ersten Vorstellungen und Versuche über die Gründung einer Handelsschule in Aussig. Die Stadt Aussig hatte 1880 bereits 16524 Einwohner, aber außer Volks - und Bürgerschulen keine höhere Lehranstalt.

Engagiert war damals Anton Kotera, welcher eine Privathandelsschule gründete, die aber nach seinem Abgang aus Aussig im Jahre 1886 ihr Ende bedeutete und da ergab sich die Notwendigkeit einen Ersatz für diese Lehranstalt zu schaffen.

Ein weiteres Interesse an einer Schulneugründung verfolgte der damalige Kaufmännische Verein unter der Leitung von Carl Schöppe in Bezug auf einen zweitklassigen kaufmännischen Fortbildungskurs nach dem damaligen Reichsschulgesetz ( No 53/1883).

Der Aussiger Stadtrat unterstützte in jeglicher Weise diese Vorstellungen und schon am 17. Oktober 1886 konnte die „Höhere Handelslehranstalt“ eröffnet werden – als eine der Ersten in Böhmen unter der Leitung des in der Steiermark gebürtigen aus Görlitz kommenden Regierungsrates und Sekretärs der Handelskammer
 Friedrich Skubitz. (Scubitz)

Auf Grund der allseitigen Unterstützung durch die Aussiger Stadtverwaltung, dem Staat, der Bezirksvertretung, des böhmischen Landesausschusses,
der Reichenberger Handelskammer der Stadtsparkasse usw., war es möglich, einen entsprechenden qualifizierten Lehrkörper zu engagieren.
Mit Hilfe der einheimischen Industrie und des Handels konnten auch die Lehrmittelsammlungen in großzügiger Weise ausgestattet werden.
 
     
  Schon bald wurde aus dieser Schule eine bekannte Anstalt und der Andrang der Interessenten  nicht nur aus Nordböhmen, sondern auch aus Prag, Iglau, Wien, Schlesien und Deutschland war enorm.

Diesbezüglich gehörte diese Handelschule zu den bekanntesten nicht nur in der Österreich-Ungarischen Monarchie, aber auch in ganz Mitteleuropa. Konkret gab es da auch Studenten mit tschechischer Grundschulausbildung wie aus dem Aussiger Bezirk so auch aus dem „Innern“, welche bestrebt waren die deutsche Sprache zu beherrschen. Unter den Schülern gab es natürlich auch später bekannte Absolventen, wie zum Beispiel den Politiker Karl Kreibich, Mitbegründer der kommunistischen Partei in der CSR (1883-1966), er studierte auf der AKA 1899-1902. Der Ehemann von Marlene Dietrich – Rudolf Sieber vom Jahrgang 1897 wurde mit seinen Mitschülern, den Absolventen der Handelsakademie zum Militärdienst einberufen.
Auch in der Zeit des ersten Weltkrieges waren viele Studenten als „Einjährige Kriegsfreiwillige“ im Militärdienst.
 
     
  Nach dem österreichischen Reichsschulgesetz begann das Schuljahr am 15. September und endete am 15. Juli.

Zur Übersicht ein Überblick der Lehrfächer für das Schuljahr 1888/89:
1/ Schulpflichtige Gegenstände:
Religion
Deutsch
Französisch
Englisch
Geografie
Geschichte
Mathemati
Kaufmännisches
  Rechnen
Physik und Chemie
Naturkunde
Warenkunde und Technologie
Buchführung/Buchhaltung
Geschäftskorrespondenz und Kanzleibeschäftigung
Geschäftslehre
Börsen-, Geschäfts- und Gewerberecht
Volkswirtschaft
Schönschrift

2/ Nicht schulpflichtige Gegenstände
Praktische Übungen im Warenkundigen Labor
Kurzschrift
Leibesübungen.

 
  Nach Übernahme in die Stadtverwaltung im Jahre 1889 wurde eine Erweiterung der Jahrgänge notwendig und die Stadt bewilligte im Jahre 1895 den Bau eines neuen Schulgebäudes.

Zur grundsätzlichen strukturalen Änderung kam es im Schuljahr 1900/1901. Aus den 3 Jahrgängen wurden 4 und die Schule hatte von nun an die Bezeichnung - „Aussiger Handelsakademie“
 
Diese Regelung nach der Schulordnung, die erste in ganz Österreich-Ungarn war jetzt ausschlaggebend für die ganze Monarchie. Sie bildete in der Folgezeit geradezu ein Muster für neu zu errichtende Handelslehranstalten in Österreich. Die Schüler durften zum Beispiel weder in eine politische Partei noch Verein eintreten. Auch die verschiedenen gesellschaftlichen Anlässe wie Theater,  Konzerte, Büchereibesuch, Restaurantessen  waren ganz genau einzuhalten und wurden von den Professoren kontrolliert.
ein Muster für neu zu errichtende Handelslehranstalten in Österreich.

Trotz allen Vorschriften gab es ein spontanes gesellschaftliches Leben. Theaterbesuche gehörten wie in der Vorkriegszeit, so auch später zur Freizeitgestaltung der AKA Studenten.
Bestimmt können sich noch viele ehemalige Schüler an ihre ersten Theatererlebnisse genau erinnern. Bis heute noch(!) gibt es welche, die auf Grund mangelnder Finanzverhältnisse die „Stehplätze“ benützten um die Theaterveranstaltungen besuchen zu können. Zur definitiven Schließung des Aussiger Stadttheaters kam es im Herbst 1944, zur selben Zeit wie die AKA (Jg. 1928).
 
 
Unter den Studenten wurde als Gruß das allgemein bekannte  Wort „Servus“ verwendet. Im Studenten Jargon  dann die Abkürzung  Seas“. Dazu die Randbemerkung: Bis heute noch verwende ich bei meinen medialen Kontakten – „Servus“. Bekannt auch  aus dem Schlagertext:“ Servus Du, flüstert sie ganz leise, Servus du, ich hatte Dich so lieb“, oder „Sag beim Abschied leise Servus, nicht Leb wohl und nicht Ade, diese Worte tun nur weh“.
Jetzt erinnere ich mich noch an einen linguistischen Ausdruck in unserer damalige Schulzeit, welcher bis heute noch von den Aussigern verwendet wird: Also „No“ (Wird auch mehrmals wiederholt). Der Selbstlaut wird kurz ausgesprochen. Die Bedeutung – ist JA d.h. Einverständnis zu jedem angesprochenen Gesprächsthema. Die Franzosen bringt es immer durcheinander und aus der Fassung, denn „non“ bedeutet doch NEIN.
 
     
  Die Studenten waren verpflichtet eine grüne Schildmütze zu tragen - mit dem Merkurstockschild. Wer diese Anordnungen der Schulordnung nicht befolgte musste mit einem Disziplinierverfahren rechnen.. Im schlimmsten Fall konnte eine kurze Schul Haft  beantragt werden oder ein Ausschluss aus der Schulanstalt.
Nach über 40 Jahren nach meiner Nebelaktion in der WO
  am 4. Feber 1944 wurde auch ich damals wegen Antikriegsmoral mit dem Antrag eines Ausschlusses aus der Wirtschaftsoberschule bestraft. Ja, Ordnung musste eingehalten werden, besonders wenn sie die Kriegsmoral beeinträchtigte, dazu bekam ich noch vom Klassenvorstand Dr. Harald Maschek zwei Watschen d.h. im Hochdeutsch -  Ohrfeigen.
Ich möchte diesbezüglich noch folgendes Ereignis erwähnen. Ich befand mich damals im Aussiger Krankenhaus mit Diphtheriediagnose. Unser Studienrat Dr. Schaffer schrieb einen Brief an meine Mutter. Sie besuchte die AKA und der Studienrat fragte meine Mutter, ob sie seinen Brief erhalten habe. Ihre Antwort war nein. – also hat den Brief ihr Sohn unterschlagen. So gehen wir zu dem Direktor Dr. Menzel. Meine Mutter hatte Angstvorstellungen. Und da geschah es: Dr. Menzel sprach beide an: „Ich habe diesen Brief nicht abgeschickt, Ihr Mann ist in den Diensten der Wehrmacht und sie Frau Adamec sind ebenfalls im Arbeitsverhältnis und müssen sich um den Haushalt kümmern.“

Diese Begebenheit erzählte mir oft meine Mama immer mit Tränen in den Augen. Unsern AKA Direktor und Geschichtslehrer Dr. Rudolf Menzel dürfen wir nie vergessen. Sein deutschliberal geprägtes Leben endete grausam 1945 im Internierungslager in Lerchenfeld.

In den Jahren 1904/1905 übersiedelte die Schule in das für uns alle bekannte Schulgebäude in der Schmeykalstraße. Das neue Gebäude der Handelsakademie hatte ebenfalls eine Bedeutung als Geldanstalt in unserer Stadt. Im Jahre 1905 übersiedelte die Aussiger Städtische Sparkasse aus dem alten Haus am Marktplatz NC 2 (Haus zur Krone) in das Gebäude der Handelsakademie in der Schmeykalstraße, wo sie die Geschäftsräume im Erdgeschoss inne hatte. Zu Anfang des ersten Weltkrieges verursachte die Sorge um die Spareinlagen so manche kleine Sparer ihre Gelder
aus der Sparkasse herauszunehmen, so dass es zu einem Sturm auf die Aussiger Sparkasse kam. Dieselbe Situation erlebte die Aussiger Sparkasse im Erdgeschoss anlässlich der Mobilisierung im Mai 1938 mit einem Ansturm der Einleger, mehr noch aber in den kritischen Septembertagen wo Juden, Tschechen und deren Gesinnungsgenossen ihre Spareinlagen beheben wollten. Die Sparkassenzeit in der AKA endete nach 34 Jahren und fand ihr Heim in der neuen Aussiger Sparkasse, den 29.Oktober 1939 am Marktplatz.

Im Erdgeschoss befand sich danach das Direktorium und das Schulsekretariat. Heute gibt es hier Umkleideräume für Studenten und weitere Schulräume. Außer das mit Säulen ausgestatteten Sparkasseninterieur ist nichts übrig geblieben – aber doch etwas aus dieser historischen Zeit: Der Sparkassentresor.

Das Gebäude blieb nach der Bombardierung der Stadt 1945 erhalten und dient bis heute seinem Zweck. Damals / 1905 wurde für die Absolventen der Bürgerschulen ein einjähriger Kurs eingeführt, ebenfalls nach der Feminisierung der Büroadministration, Einführung einer
  „Zweitklassigen Aussiger Handelsschule für Mädchen“.  (In der Beilage findet der Leser das Abschlusszeugnis meiner Mutter aus dem Jahre 1921) ein noch vom Direktor Max Wolfrum unterzeichneter „Ausweis über den Unterrichtserfolg“ ist die „Kaufmännische Fortbildungsschule in Aussig“ angeführt. Max Wolfrum kam aus Olmütz, er war dort Professor der Handelsakademie. Er führte die Schule 25 Jahre: Von 1902-1927.

Die einzelnen Unterrichtsgegenstände waren damals:
Sitten
Schulbesuch
Deutsche Sprache als Unterrichtssprache
Rechnen
Handels und Wechselkunde
Buchhaltung
Korrespondenz und Kontorarbeiten

Geografie und Bürgerkunde
Schönschreiben
Äußere Form der schriftlichen Arbeiten
Stenografie.

Die stetig wachsende Schülerzahl machte eine Erweiterung der Schulräume notwendig. Im Schuljahre 1918/1919 erreichte die Anstalt mit 1438 Schülern in 29 Klassen ihren Höchststand.
 
 
Auch nach dem ersten Weltkrieg und der Entstehung der selbstständigen Tschechoslowakischen Republik galt die Schule weiterhin zu den Besten und wurde von Studenten außer Deutschen auch von Tschechen, Österreichern, Ungarn besucht. Auch gab es Jugoslawen, Syrier, Amerikaner und Russen. Aussig hatte eine größere Anzahl bedeutender jüdischer Geschäftsleute, Ärzte, Rechtsanwälte. Auch diese ließen ihre Kinder auf der  AKA studieren.

Anfang der zwanziger Jahre entstand ebenfalls neben der zweitklassigen Mädchen – auch die Knaben Handelsschule, ohne Abitur, welche im Nebengebäude untergebracht wurde. Dann trat infolge der Entstehung weiterer Handelsakademien ein Rückgang ein. Doch gehörte die Anstalt 1928/1929 noch mit 870 Schülern in 26 Klassen nach wie vor mit 30 Lehrkräften zu den besuchten Handelslehranstalten in der ČSR.

In den 20. Jahren war es üblich Kinder deutscher Eltern ins „Innere“ auf „Tausch“ in tschechische Familien zu geben um tschechisch zu lernen. Umgekehrt kamen tschechische Jungen und Mädels ins deutsche Sprachgebiet um deutsch zu lernen. Viele von den Schülern der AKA in der Vorkriegszeit können sich an diese Jugenderlebnisse erinnern und dieser „Handel“ war auch Bestandteil einer liberalen
  und weltoffenen Erziehung. Schließlich waren in der  Monarchie die zwei Landessprachen eine normale Angelegenheit. In einigen bürgerlichen deutschen Familien beschäftigte man tschechische Köchinnen und Kindermädchen, damit die Kinder Kontakt mit der tschechischen Sprache hatten.

Ebenfalls die Vision eines multinationalen Staatsgebildes auf dem Gebiet der CSR war eine konkrete Tatsache, welche die Studenten in die AKA mit brachten. Auch diese Umstände prägten die allgemeine Popularität der Aussiger Handelsakademie und die Studenten waren stolz auf ein weltoffenes Seinswesen.

Im Jahre 1927 trat der Direktor Max Wolfrum in den Ruhestand und sein Nachfolger war Leopold Zeidler, welcher ganz intensiv die Anstalt modernisierte (Rechen -
  und Schreibmaschinen usw.) Als Direktor der Handelsakademie wirkte er bis 1940, als die Anstalt in eine „Wirtschaftsoberschule“ umbenannt wurde. (Die Handelsschule wurde Wirtschaftschule genannt) Sein Nachfolger wurde der uns bekannte Prof. Dr. Rudolf Menzel.

Nach 1938 blieb die Struktur der Schule erhalten, selbstverständlich mit einem neuen Lehrplan, wie aus unseren damaligen Zeugnissen
  vom 13. Juli 1944 zu entnehmen ist:
Leibeserziehung
Deutsche Sprache
Allgemeine und Wirtschaftgeschichte
Wirtschaftliche Erdkunde
Englische Sprache
Französische oder tschechische Sprache (Wahlfrei)
Chemie und chemische Technologie
Mathematik
Schriftverkehr
Buchhaltung
Betriebswirtschaftslehre
Rechnen
Stenografie

Viele von uns können sich
  bestimmt noch an diese Schulzeit im Dritten Reich erinnern und sollten ihre persönlichen Erinnerungen schriftlich festhalten. Zum Beispiel besuchten die Schule Kinder von dageblieben Tschechen mit Grundschulausbildung in tschechischer Sprache. Für diese Studenten eine komplizierte Zeit. Erst Monate später konsolidierte sich das gegenseitige Benehmen der Mitschüler und Professoren zu einem normalen Niveau.
Im Gegensatz zu den anderen Mittelschulen – Oberschulen in Aussig (Oberrealschule, Gymnasium, Oberschule für Mädchen) waren die Klassen der Handelsakademie (WOS)
Geschlechter vermischt. Dies hatte besondere psychologische Auswirkungen auf Leistung, Wettbewerb, erste Liebe.
 
 
Die jüngeren Professoren / Studienräte wie man sie damals betitelte waren im Kriegseinsatz. Es kamen ältere, schon pensionierte Lehrkräfte. Zu Beginn des Unterrichtes grüßten sie mit „deutschen Gruß“ und auch wir streckten unsere Hände, das war im täglichen Leben damals ähnlich.

Es gab in dieser Zeit, eigentlich wie immer verschiedene Menschentypen, einige von ihnen unter der Naziideologie, einige noch mit anderen liberalen und toleranten
  Ansichten  und empathischen Lebenseinstellungen.

Besonders kurz nach der „Befreiung“ präsentierte sich die damalige Gedankenwelt der einzelnen Professoren, aber auch der Mitschüler zu ganz konkreten Verhalten, welche sich später normalisierte. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendein Lehrer versucht hatte, uns politisch zu beeinflussen. Diese Beeinflussung geschah durch Radio, Kino, Zeitschriften.

So manche Nacht verbrachten wir im Dienst in den Luftschutzkellern gegenüber im Cafe Savoy. Luftschutzwachen gab es in der Nacht. Die Wach- und Schlafräume lagen im Hochparterre neben dem Schuleingang. Bei Ertönen des Voralarms konnten die von einer Dienststelle in der neuen Sparkasse am Marktplatz eingeteilten
  Melder den Unterricht verlassen. Natürlich haben Jungs auf diese Gelegenheit gewartet, um manchen unbeliebten Unterricht zu umgehen. Der Luftschutzkeller der AKA war im Bräuhauskeller. Immer waren auch Studienräte mit anwesend und viel wurde diskutiert und erweiterten unsere Denkweise und Horizonte. Luftschutzübungen im alten AKA-Gebäude in der Schmeykalstrasse: Mit Wassereimer, Feuerklatsche, Handpumpe.

Nicht zu vergessen war unser angestrebtes Leibeserziehungsengagement im Rahmen des Schulunterrichtes, aber auch in der HJ und BdM. Dieses konzentrierte sich vorwiegend auf Freizeitgestaltung als solche. Da gab es immer Wettkämpfe, Trainiert wurde auf der nahen Spielwiese in
  Lerchenfeld, welche in den 50 Jahren total verbaut wurde. Ich selbst wohne in diesem neu entstandenen Wohngebiet.

Die Grenze zwischen dem Sportplatz und der Spielwiese bildete eine Lindenbaumallee, welche teilweise noch erhalten blieb. Es war ein durchaus üblicher Begriff – das Freizeittraining am Samstagnachmittag auf der Lerchenfelder Spielwiese.

Schwimmwettkämpfe wurden damals im sehr modernen großzügigen Hallenbad in Schreckenstein durchgeführt, für uns als Schichtbad bekannt. Heute ist das Hallenbad im totalen devastiertem Zustand.

Skiwettbewerbe und Skikurse im Erz- oder Riesengebirge wurden organisiert. Trainiert wurde auf der „Trottelwiese“ in Adolfsgrün. Dorthin führte der Weg von der Straßenbahnendstation No 1 beim Bahnhof in Tellnitz. Wir benützten unsere Ahornbretteln mit Huttfeldbindung. Dazu brauchte man spezielle Skischuhe mit einem beschlagenen Vierkantenprofil aus Messing. Einige von uns hatten schon damals die Kandaharbindung.
  Die früher geborenen können sich bestimmt noch an die beim Skilauf gebrauchten Ausdrücke: Telemark (früher üblicher Bremsschwung), Kristiana (üblicher Querschwung), Reißer (nötiges Stehenbleiben) und Schneepflug (zum langsam fahren) erinnern. Skilifte oder ähnliches gab es damals auch noch  nicht.

Ebenfalls Aussiger Rudervereine mit ihren Zweiern, Vierern oder sogar Achtern in den Wannower Bootshäusern  standen uns zur Verfügung. Die abgefahrenen Kilometer mussten im „Ruderbuch“ eingetragen werden, welches sich im Klubraum befand. Viele von unseren Mitschülern waren damals begeisterte Ruderer in den existierenden Ruderorganisationen des deutschen Turnvereins, des Rudervereins und dem „Aussiger Ruderklub“.

Nicht zu vergessen, die uns ermöglichten Tennisaktivitäten. Es sollen in unserer Vaterstadt 65 Tenniskurte gewesen sein mit dem LTC 1905 auf der Ferdinandshöhe und in Wannow.

Die Kriegszustände beschatteten unser Studium. Dauernd wurden wir mit den Realitäten dieser Zeit konfrontiert. Es war nicht einfach, die meisten unserer Väter waren an  der Front, unsere Mütter
  ebenfalls im Kriegseinsatz mussten sich allein um die Haushalte kümmern und um die Kinder sorgen.

Im Herbst 1944 kam es zur teilweisen Schließung der älteren Jahrgangsklassen. Die Jungen und Mädchen waren im Arbeitseinsatz oder wurden zum „RAD im Kriegseinsatz einberufen“. Einige von den Mädels aus unserer Klasse wurden als Luftwaffenhelferinnen in die Gauhauptstadt Reichenberg berufen. Die Schicksale dieser Zeit wurden von Edith Pohl in dem schon im AB veröffentlichen Gedicht beschrieben.
Diesbezüglich noch eine Angabe-Bezeichnung der Einflugschleusen für Fliegerangriffe in Richtung Aussig, also eine Landkartenaufteilung in Planquadrate. Unsere Stadt Aussig war im Fadenkreuz mit der Bezeichnung OTTO IDA 2 Aussig angeführt. Auch diese Angelegenheit sollte in der AKA – Geschichte für die Nachkommen erhalten bleiben !!! (Nach einer Schilderung der AB-Abonnentin Elli Schuhpanz, geborene Frisch aus Türmitz, jetzt wohnhaft in Gilching.) Im April 1945
  endete dann die Städtische Aussiger Handelsakademie- unsere liebe unvergessliche AKA.
Das Schulgebäude wurde als Kaserne einer Fernschreibeabteilung der Wehrmacht verwendet und nach dem 8. Mai 1945 blieb unsere Schule in einem desolaten Zustand im ausgebombten Umfeld. Mit diesen Ereignissen endet die Geschichte und das Schicksal einer deutschen Schule im Böhmerland.

Von jeher war die Schule deutschsprachig und wurde durch die tschechoslowakische Regierung nach dem ersten Weltkrieg als solche auch nicht in Frage gestellt. Sie war wohl auch irgendwie deutsch-national. Aber wohl eher im Sinne einer liberal- demokratischen Tradition der Revolution von 1848 !

Wir, die Studenten, Jungen und Mädels der AKA mussten alle die konfliktreiche Nachkriegszeit überstehen. Viele von uns verloren mit ihren Familien ihre Heimat, einige kehrten aus den Fronteinsätzen nicht mehr zurück oder blieben in den zerbombten und besetzten Militärzonen der übrig gebliebenen neu entstandenen Staatsgrenzen. Einige verblieben mit dem Kainsmal in einem anderen Umfeld und anderen Menschen.

 
III. Die zweite Jahrhunderthälfte
mit neuen Visionen für das 21. Jahrhundert
 
Jetzt stehe ich an der Schwelle der zweiten Epoche der ehemaligen Handelsakademie. Beide Gebäude, die Handelsakademie und die Handelsschule in der Schmeykalstrasse, jetzt nennt man sie Pařížská, also die Pariser Straße, blieb nach dem Bombardement unserer Vaterstadt erhalten. Die Schulräume und Gänge standen leer und verlassen nur mit unseren nicht wiederholbaren Werterinnerungen an viele, die hier ein und aus gingen und gemeinsam die schon vergangenen Zeitepochen mit einander erlebten.

Der zweite Weltkrieg in Aussig endete mit einem allgemeinen Chaos nach zwei Bombardements
  durch amerikanische Flugzeuge im Frühjahr 1945. Die Eisenbahnbrücke war teilweise zerstört und die „Oster“ mit dem uns allen bekannten Elysiumkino am Bielaufer von der Oberfläche verschwunden. Ganze Häuserblöcke um die Stadtkirche waren beschädigt, selbst der Kirchturm musste sofort gestützt werden um nicht umzustürzen und so viele andere uns bekannte Gebäude wie die Resource am Materniplatz / im Krieg Langemarkplatz und  die Lesehalle, das Gemeindeamt in der Großen Wallstrasse waren total beschädigt.
Genauso wie das im Stadtzentrum gelegene „Invalidenkino“ im welchen die ersten Tonfilme vorgeführt werden konnten. In der Stummfilmzeit davor spielten Musiker. D. h. ein Geiger mit Klavierbegleitung zur Filmvorführung. Auch meine lieben Eltern waren damals im Türmitzer Reichshofkino aktiv mit dabei. Beim Bombardement fiel auch die bekannte Pflimfelgastwirtschft „Zum Weißen Rössel“ gegenüber der Stadtkirche zum Opfer.

Überall waren gefangene deutsche Soldaten und deutsche Bürger mit den vorgeschrieben weißen Armbinden vor Ort um wenigstens die Straßen wieder befahrbar zu machen, Pyrotechniker mussten Blindgänger beseitigen, viele von  unseren toten Mitbürgern mussten beerdigt werden. Die Stadt war von sowjetischen Soldaten besetzt.  In den Fabriken, Kohlenschächten, Elektrizitäts- und Gaswerken musste unter den neuen Bedingungen die Erzeugung neu organisiert werden. Gleichzeitig die notwendige Betriebaufnahme der Eisenbahnen und der städtischen Straßenbahn.

Die rationierte Verpflegung der Bevölkerung musste sichergestellt werden. Die deutschen
  Bürger bekamen mindere Zuteilungen. Gleich nach Kriegsende kam die Ausweisung der Altreichsbürger und die mit ihren Trecks angekommen Bürger aus den schon im Krieg besetzen   Ostgebieten - Ostpreußen,  Pommern,  Schlesien usw.. Die wilde Vertreibung – und die Ankunft von Neuankömmlingen  aus den inländischen Gebieten Böhmens, Mährens, der Slowakei und aus den slowakisch-ungarischen Randgebieten.

Die oben angeführten Umstände und neue Lebensbedingungen erforderten ebenfalls die Sicherstellung des neuen Schulunterrichtes in tschechischer Sprache für das neue Schuljahr 1945/1946.

Und das galt auch für die Weiterführung der Handelsakademie. Auf Grund einer Entscheidung des Schulministeriums galt es zwei Klassen des 4 jährigen Studiums und eine Klasse des zweijährigen Studiums ins Leben zu rufen.
Nach dem Krieg sollte die tschechische Handelsakademie in dem Gebäude der ehemaligen deutschen Handelsakademie in der Pariser Strasse untergebracht werden, welche jedoch zu Kriegsende anderen Zwecken diente. Im älteren Nebengebäude war im Erdgeschoß und ersten Stockwerk die Stadtfeuerwehr. Im zweiten Stock waren deutsche Bücher der vertriebenen deutschen Bürger deponiert. Das neue Gebäude diente zu Kriegsende als Notkaserne der deutschen Wehrmacht und im dritten Stock war ein militärisches Telekommunikationszentrum.
Nach der Flucht der WM Angehörigen besetzte die Räume eine sowjetische- und danach eine tschechische Einheit.

Was fanden die neuen Lehrkräfte vor? Verlassene Schulräume mit Soldatenbetten und Matratzen, unendlicher Abfall und zurückgelassen Soldatenuniformen, überall Ratten und Ungeziefer. An den Türen fehlten Türklinken und Schlösser, zerbrochene Fensterscheiben und Fensterrahmen. Von der Schuleinrichtung blieb nur das Direktorat unversehrt, ebenfalls die Schul - und Schülerbibliothek und Trümmer des geografischen und Chemie Labors. Das Gebäude stand weiter immer offen und diente der kurzfristigen Unterbringung von Repatrianten aus dem Reich. Auch einige Italiener und Franzosen waren anwesend. Unter diesen katastrophalen Bedingungen war der
  Unterricht unmöglich. Der Schulanfang fand aus diesen Gründen in der Bürgerschule am RichardWagner- Platz statt. Auf Regierungsaufforderung meldeten sich die ersten tschechischen Lehrkräfte aus verschiedenen Schulen und ein Schulwart.
An der Spitze des aus 7 Mitgliedern entstandenen tschechischen Lehrkörpers stand Ing. Emil
Livečka.
Die ersten Schüler beendeten die Bürgerschule und das Gymnasium, viele von ihnen waren Handwerker oder kamen aus dem Kriegsarbeitseinsatz. Zu dieser Zeit herrschte Lebensmittel -  und Rohstoffmangel, es gab keine tschechischen Lehrbücher. Diese brachten nur die neuen Lehrer mit. Als Unterkunft benutzten die ersten Studenten Schulräume oder wohnten bei den noch dagebliebenen deutschen Familien. Unter der Leitung des letzten noch  nicht vertriebenen deutschen Professors war eine Aufräumungsgruppe von Schülern im Einsatz.

Die größten Probleme bestanden im Materialmangel. Endlich nach Desinfektion
  und notwendigen Aktivitäten von Elektroinstallateuren, Glasern, Tischlern und Maurern kamen die Zimmermaler  an die Reihe. Endlich am 11. Dezember brachten die Studenten die Schulbänke in die Klassenzimmer der ehemaligen AKA in die Pariser Straße. Ebenfalls das Direktorat, das Lehrerzimmer und die Kanzlei konnte im Erdgeschoss untergebracht werden.

Zwei lange Jahre vergingen, bis alles wieder an seinem Ort war.
  Zu Ende des Schuljahres 1946/1947 waren schon über 5000 Bücher im Besitz der Schulbibliothek, in der Schülerbücherei dann 1200. Die Schule wurde mit Schreibmaschinen und anderem Hilfsmaterial ausgestattet. In einem relativ kurzen Zeitabschnitt war die Handelsakademie im Vergleich mit anderen Schulen diesbezüglich  auf perfektem Niveau.

In der Stadt verschwanden Müll und Baumaterial, die Versorgung der Einwohner stabilisierte sich, die Schüler erhielten Milch zum Frühstück.

Im weiteren Zeitverlauf vergrößerte sich die Lehrerschaft mit höherem fachkundigem Niveau. Grundsätzliche Änderungen brachte der kommunistische Umsturz im Feber 1948, selbstverständlich mit ideologischen Eingriffen in das Schulsystem. In der Zeit des totalen kommunistischen  Regimes mussten viele Pädagogen aus politischen Gründen die Schule  verlassen. Die ideologischen und politischen Eingriffe in das ganze Schulsystem verlangten sowohl von den Pädagogen, als auch von den Studenten die notwendige Anpassung in die neu entstandenen gesellschaftlichen Verhältnisse.


Die Lehrfächer aus dieser zeit 1958/1959:
Tschechische Sprache
Russische Sprache
Geschichte
Mathematik
Chemie

Physik
Finanz und Kreditwesen
Technik und Methodik der Planung
Ökonomie und Leitung wirtschaftlicher Organisationen
Buchhaltung
Statistik

Tschechoslowakisches Recht.

In den 50/60 Jahren hieß die Lehranstalt -
  Ökonomische Mittelschule. Es war eine Zeit, in welcher man die politische Arbeit der Schule bevorzugte. Und das begann schon mit aktuellen propagandistischen Ausschmückungen im Schulgebäude „Zehnminuten Appelle“ mit ideologischen Zielen in den einzelnen Unterrichtsstunden, Mitbeteiligung an politischen Schulungen sowie Teilnahmen in landwirtschaftlichen Einsätzen bei der Kartoffel -  und Hopfenernte und weiteren Aktivitäten.

Noch eine konkrete Begebenheit aus dieser Zeit der kommunistischen Ära.
  Jede Zeitepoche brachte eben den Studenten auch Sorgenwolken mit auf den AKA Weg. Der Jahrgang 1950-1954: Zu ende der dritten Klasse stellte der damalige Direktor folgende Bedingung für das Abitur: Entweder ihr nimmt an einem Einsatz in der Jugendbrigade/Stavba mládeže in Brüx teil, oder wir lassen euch nicht zum Abitur. Es handelte sich um den Häuserbau in der Wohnsiedlung –Saazer Straße in Brüx. Diese Begebenheit war typisch für diese Zeit, genauso  wie die oben angeführten verschiedenen Brigaden in der Landwirtschaft.

Erst
  die, von den meisten Professoren und Studenten angestrebte „samtene Revolution 1989“ brachte wieder eine Öffnung nach außen z.B. Neugestaltung der Unterrichtes, eine notwendige Anpassung an die Bedürfnisse der freien Marktwirtschaft. Ein neuer Akzent waren die daraus entstandenen Sprachkenntnisse und ein wieder Erleben der Kontakte zu anderen Wirtschaftsmittelschulen im Inn -  und Ausland.

Nach den Erkenntnissen der Gegenwart entspricht das Niveau den Ansprüchen eines erfolgreichen Studiums bei der Vorbereitung der Strukturen im praktischen Leben oder zu einem weiteren Hochschulstudium in Ökonomie und Wirtschaft.

Verschiedene andere Aktivitäten außer den Lehrfächern erweitern die Horizonte der Studenten. Es handelt sich dabei um diverse Kurse im Sportbereich. Kontakte zu Handelsschulen im Ausland, näheres Kennen lernen der Lebensformen in anderen Ländern mit gegenseitigem Schulaustausch, Aufenthalten in Familien zur Erweiterung der Sprachkenntnisse vor Ort, Kontakte zu EU Institutionen in Brüssel und Strassburg mit Projekten zur Erweiterung der Menschenrechte usw. Auch die jetzigen Handelsakademiker sind Europäer und müssen sich umgehend mit neuen Gedanken auseinander setzten und an eine multipolare Welt anpassen, die auf eine bipolare Welt gefolgt ist.

Die zeitgemäßen Studienpläne charakterisieren und bezeugen alle die Notwendigkeiten eines optimalen Studiums. Der Überblick:

Tschechische Sprache und Literatur
Erste Fremdsprache inkl. Konversation
Zweite Fremdsprache (Dazu meine Randbemerkung: Von jeher und damals schon angewendet)
Geschichte
Bürgerkunde
Recht
Biologie
Ökologie
Physik
Chemie
Mathematik
Leibeserziehung
Informationstechnologie
Schriftliche und elektronische Kommunikation
Ökonomische Praxis
Ökonomik und Ökonomie
Wirtschaftliche Erdkunde
Buchführung und Buchhaltung
Gestaltung von Projekten

Dazu kommen noch
  wählbare Unterrichtsfächer:
Anwendung der
  Informationstechnik
Anwendung der Ökonomie
Marketing, Management
Mathematisches Seminar
Reiseverkehrsgeografie


Seminar.
Fachpraktikum
Die aktuellen Lehrfächer entsprechen den neuen Anforderungen der Gegenwart. Nach einem dementsprechenden aber auch  langzeitlichen Ziel auf Grund von demografischen  Studien und der weiter angestrebten  Entwicklung der Bildung im nordböhmischen Bereich entsteht die neue Handelsakademie mit erweitertem Sprachenunterricht und anschließender vorgeschriebener  Staatsprüfung hier in Aussig als subventionierte Organisation. Dieses notwendige Konzept wird ebenfalls unterstützt von der sozialökonomischen Fakultät der Universität J.E.-Purkyně, des hiesigen städtischen Arbeitsamtes und den Organen der staatlichen Selbstverwaltung.

Alle notwendigen Voraussetzungen in Bezug auf die Ausstattung des Schulgebäudes, der Kapazität und
  dementsprechenden qualifizierten Pädagogen sind erfüllt.
 
Die Aussiger Handelsakademie überstand also Wirren und Wandel auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Vorstellungen aus der Gründerzeit sind wieder aktuell im Licht der neuen Zeit und bringen Hoffnung, Zufriedenheit und Zuversicht den Studenten und den Pädagogen.
Nichts auf der Welt hat Bestand
 und immer folgt Ebbe den Fluten…
Mit konkreten Erinnerungen, Erkenntnissen aufgezeichnet im Jänner, Feber und März 2011 für die Aussiger Heimatfreunde und deren Nachkommen vom Studenten der ehemaligen Wirtschaftoberschule / Handelsakademie in Aussig Hans Adamec

Hans Adamec, Bělehradská 36, 40011 Ústí nad Labem, ČR.
Telefonverbindung +420-472-777-021
E-mail: hanus.adamec@gmx.net
 

Literatur: Franz Josef Umlauft: Geschichte der deutschen Stadt Aussig
           
Gerda Eckelt: Kde domov můj
        
Friedrich Rohan: Aussiger Schoulet
       
Jiří Šosvald: Jó, tenkrát v Ústí
       
Dr.Vladimír Kaiser, Stadtarchiv Ústí nad Labem  
       
Beiträge ehemaliger Schüler der Aussiger AKA

Meine eigenen erlebten Erkenntnisse von damals bis heute.
Hans Adamec

 Zum Studentenverzeichnis

Gedicht zur
Aussiger Handelsakademie - Kriegsjahr 1944
 von Edith Hellmich, geb. Pohl, Bad Salzuflen - früher Schreckenstein;

* 29.12.1928 in Aussig-Schreckenstein + 2.2.2011 Schnelltot in Bad Salzuflen

Geschrieben anlässlich der 100-Jahr-Feier des Bestehens der Aussiger Handelsakademie.
Entnommen aus dem Aussiger Boten Mai 2005.

Jahrgang '28, das Abitur schon ganz nah
blieb für uns nur noch Wunschtraum, weil so vieles geschah.
Wir waren zwei Klassen, 3a und 3b,
'44 - Oktober, in der Luft lag schon Schnee.
Und nicht nur Schnee, wie der Krieg es uns lehrte.
So kam es, dass man eines Tags uns erklärte:
„Dies Schulhaus wird als Lazarett jetzt gebraucht"
und eben noch hatten unsere Köpfe geraucht
vom vielen Lernen, doch es gab kein Besinnen,
mit uns Schülern wollt man den Krieg noch gewinnen.

Die Jungens, das war ja nicht schwer zu erraten,
aus denen machte man schnellstens Soldaten.
Die Mädchen hingegen, nur keine Verschwendung,
auch für die hatte Hitler eine besondere Verwendung.
Von der Hitlerjugend zum Bann beordert,
wo man schließlich auch von uns den Kriegsdienst gefordert.
In einem Wehrmachtslager fand die Ausbildung statt
im Fernsprech- und Flugmeldedienst, und wir waren platt
wie ganz anders die Unterrichtsstunden verliefen,
welches Wissen es nun galt zu vertiefen.
Außer Physik waren die Fächer ganz neue
und zum Schluss schwur'n wir Adolf Hitler die Treue.
Mit dem Blitz am Ärmel und dem Schein im Gepäck,
fuhren wir nun nach Hause und schon bald wieder weg.

Reichenberg wurde als Einsatzstelle ausgesucht,
in der Gauleitung für 12 Mädchen Quartier gebucht.
Schichtdienst im Bunker, rund um die Uhr,
Feindeinflüge registrieren, wobei man erfuhr
wie viele es waren, welche Richtung sie nahmen;
welchen Städten brachten sie diesmal das Amen?
Alle Nachrichten schnellstens „nach oben" gegeben;
wer zitterte damals nicht um sein Leben?
Dann schließlich im März und April Bombenregen
unser Aussig hatte im Anflug gelegen.
Die Schadensmeldungen wurden abgehört,
unsere Stadt war zu einem Drittel zerstört.
Und wir waren hier, wo war Mutter, die Kleinen?
Ein paar von uns begannen zu weinen.
Aus erster Hand erfuhren wir dann,
wo Bomben gefallen waren und wann.
So vergingen die Tage, die Nächte, der Krieg.
Wie war das doch mit dem Märchen vom Sieg?

Am 6. Mai war die Gauleitung leer,
und wir standen da und wussten nicht mehr,
wie wir nun nach Hause kommen sollten.

Sie hatten doch versprochen, dass sie uns helfen wollten.
Drei versuchten in der Stadt ihr Glück
Transport zu finden, sie kamen nach Stunden zurück.
Es warn soviel Menschen und soviel Gepäck
und jeder trachtete irgendwie weg.
Da stand noch ein Bus und wir fragten den Fahrer -
„nur für Frauen mit Kindern - Evakuierung" - weg war er.
Ich fragte ihn aber doch noch geschwind:
„Herr Busfahrer, bis wann ist man ein Kind?"
Er drehte sich um, dabei war er ganz still
und sagte: „Mädchen, es geht nicht wie ich's will,
aber kommt nach Mitternacht doch noch einmal vorbei.
Ich fahre ab, spätestens um halb zwei".

Zurück im Quartier dann, stellten wir fest,
nur wir drei warn noch übrig, der klägliche Rest.
Die Anderen hatten klüger gedacht
und sich in kleinen Grüppchen auf den Weg gemacht.
Pünktlich um 12 warn wir wieder zurück,
zwei Frauen, drei Kinder im Bus - unser Glück.
6 Uhr früh in Aussig, die Stadt lag noch im Schlummer,
zunächst warn vorbei unsere Sorgen, der Kummer.
Auf der anderen Seite lag Schreckenstein,
und wir waren endlich wieder daheim.
Dies Erlebnis werden wir nie vergessen, sind wir doch damals gerad 16 gewesen.

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Der Ex-Bürgermeister von Türmitz Otto Neubauer.
Auch er war Schüler des deutschen Aussiger Gymnasiums und auf Grund der Beschreibung des Besuches der Gymnasiasten vom Jahrgang 1927 und 1928 im Mai dieses Jahres,
er ist  neugierig geworden und sucht Spuren zu seinen Mitschülern von Jahrgang 1931.
Er hat leider mit niemanden Kontakt und würde sich sehr über ein Lebenszeichen eines Mitschülers freuen und würde dementsprechend auch ein Treffen dieses Jahrganges hier organisieren.

Pagemaster Karl Heinz Kralowetz, München 11.6.2011