Das Dorf

Wenn der Vater nicht schon vor Öffnung der Grenze verstorben wäre- hätten wir ihn sicher heimfahren sollen.

Heim! war sein Wort noch nach mehr als vierzig Jahren. Ich stehe vor seinem Grab und denke, jetzt hast du es gut, du musstest nicht mehr erfahren, wie dein Daheim aussieht. Das Dorf, von dessen Höfen du er- zähltest, als ob sie noch stehen würden, obwohl du wissen musstest, dass der ganze Ort verschwunden war .

Verschwunden? Wie kann ein Dorfverschwinden? Einfach so, ohne Krieg- ohne großes, vernichtendes Feuer .
Das mochtest du dir zum Trost gesagt haben. Auch wenn die Zeitungen und die Jungen, welche die Heimat in den vergangenen Jahren öfter besucht hatten, anders berichteten.
Du erzähltest von dem und dem, dessen Hof steht da und der des anderen dort. Du gingst gar nicht darauf ein, was da gesagt und geschrieben wurde.
Du sprachst immer in der Gegenwart: Der Hof, der gegenüber dem Teich steht, sagtest du, obwohl der Hof schon seit vielen Jahren zu Erde geworden war.

 Wir redeten dann auch nicht mehr vom Verschwinden der Wohnhäuser, der Stallungen, der Schuppen, des Schulhauses, der Gasthöfe. Ließen dich erzählen, als ob alles noch stehen würde wie einst, wir korrigierten nichts.

Jetzt kamen wir wieder in dein Dorf, in dessen Mitte der im ganzen Land berühmte Teich lag, und der nun fast verlandet ist. Wir fanden ihn kaum wieder im Gestrüpp und zwischen den Bäumen, die dort wachsen, wo vormals die Häuser hinter bunten Baumgärten standen.
Wir dachten an dein Grab auf dem fremden Friedhof, und wir waren froh, dass du nicht neben uns standest. Du hättest nicht mehr herausgefunden, wo die Höfe einstmals lagen. Du hättest unglücklich und todtraurig nichts als geweint. 

Herta Huber, Martinszell /D.

 
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