Aus dem "Aussiger Boten" Mai 1970

Fronleichnamsfest im Erzgebirge.

Das Fronleichnamsfest war für den Erzgebirgler unseres Heimatkreises ein Fest von besonderer Bedeutung. Einmal weil es in der schönsten Jahreszeit des sonst rauen Erzgebirgsklimas gefeiert wurde und weil an diesem hohen Festtage sich alle Dorfbewohner sahen und auch diejenigen auf Besuch kamen, die schon jahrelang durch Verheiratung oder bedingt durch ihren Beruf verzogen waren.

Wer im Erzgebirge geboren und aufgewachsen war, kam immer wieder und ganz besonders traditionsgebunden am Fronleichnamsfest, dem Tage des Herrn. Wochen vor dem Fest begannen schon die Vorbereitungsarbeiten. Wenn zu Pfingsten das Haus noch nicht weiß getüncht war, so wurde es unbedingt vor dem Fronleichnamstag nachgeholt. Gans besonders wurde die Dorfkirche ausgeschmückt. Die gräflichen Domänenverwaltungen Kulm und Tellnitz stellten kostenlos die jungen grünen Birken zum Ausschmücken der Kirche und der Außenaltäre. Der Mittelgang der Kirche wurde von beiden Seiten in eine grüne Birkenallee verwandelt- Dazwischen lag der rote Teppich zu Ehren des hohen Festtages. Jeder Altar in der Kirche wurde mit Blumen von den Dorfbewohnern geschmückt. Unter gottesfreiem Himmel wurden fünf Altäre in Zusammenarbeit mit dem Dorfpfarrer aufgestellt, bereits um fünf Uhr früh wurde mit dem Aufbau begonnen. Vor der Kirche wurde der Prozessionszug aufgestellt. Der Dorfpfarrer trug die Monstranz unter dem goldbestickten Baldachin, der von vier Gemeindevertretern im Frack und Zylinder mit weißen Handschuhen getragen wurde. Sämtliche Dorfkinder im schönsten Sonntagsstaat streuten Blumen aus ihren Bastkörbchen und verschönerten das Straßenbild. Die Forstbeamten der Domänen Kulm und Tellnitz, die in den Erzgebirgswäldern ihren Dienst verrichteten, gingen geschlossen in ihren grünen Sonntagsuniformen. Das Vereinsleben wurde im Erzgebirge ganz besonders gefördert und man sah die Feuerwehr, den Krieger- und Gesangverein, sowie den katholischen Frauenverein mit ihren Fahnen andächtig im Prozessionszug mit eingereiht- Bis zu fünf Musikkapellen hatten ihre Instrumente auf Hochglanz gebracht und begleiteten den Festzug. Wenn dann im strahlenden Sonnenschein das uns allen bekannte Lied O Engel Gottes eilt hernieder" vom Kirchenchor gesungen und von den einheimischen Musikkapellen begleitet wurde, war der gottesfürchtige Erzgebirgler wie verwandelt und in Ehrfurcht vor Gott und seinen Mitmenschen zog die Dorfgemeinschaft von Altar zu Altar um Gottessegen für die Familie, Feld und Viehbestand zu erflehen. Wenn der Umzug zu Ende war, nahm der Erzgebirgler einen Birkenzweig vom Außenaltar und ging mit seinen Angehörigen nach Hause. Nach dem Mittagessen ging er auf das Feld und steckte den gesegneten Zweig in sein Kornfeld, damit es vor Hagel und Unwetter geschützt sein sollte. In den Nachmittagsstunden pflückten die Kinder Feldblumen, die zu einem Kranz gebunden wurden. Im Nachmittagsgottesdienst wurden die Kränze geweiht. Danach wurde er gut aufbewahrt und bei Krankheiten der Haustiere sparsam verfüttert. Nach alter Überlieferung sollten die Haustiere davon ihre Krankheiten überstehen.

Zusammenfassend wäre zu berichten, dass der Fronleichnamstag vom Erzgebirgler nach alter Überlieferung und Tradition immer als höchster Feiertag anerkannt wurde.
Im Sinne seiner unermesslichen Liebe und Treue zu seiner Erzgebirgsheimat und zur Pflege der Dorfgemeinschaft, hat er zu feierlichen Gestaltung von Festtagen immer alles getan und viel Zeit geopfert, damit die von seinen Vorvätern übernommenen Sitten und Gebräuche voll erhalten blieben.

So wie der Erzgebirgler den Fronleichnamstag vor Gott und seinen Mitmenschen in: Ehrfurcht verbrachte, so wollen wir in Ehrfurcht vor unseren Vorvätern mit einem stillen Gruß unser schönes Erzgebirge in guter Erinnerung behalten.

Karl Wiethe  

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