Viele unvergessene
Erlebnisse aus der Jugendzeit besonders in den 20er und 30er
Jahren werden wieder wach, wenn wir an das wichtigste
bürgerfreundliche Aussiger Verkehrsmittel unsere alte
Elektrische denken. Sie war für uns alle Bürger nicht
wegzudenken um uns innerhalb der Stadt und in die Vororte
befördern zu lassen. Es war für den Wagenführer nicht immer
leicht stehend ohne seitlichen Windschutz besonders bei den
älteren Fahrzeugen seinen verantwortungsvollen Dienst zu tun.
Bei jedem Halt, besonders bei leichtem Gefälle oder Steigung
musste die rechts liegende Kurbelhandbremse angezogen werden, da
die Elektromagnetbremse, welche mit der linken Hand bedient
wurde nicht im Stand hielt. Habe den Dienst eines Wagenführers
immer sehr bewundert und hoch eingeschätzt. Auch der Kontukteur,
oder Schaffner genannt, welcher mit seiner dicken Ledertasche
über den Schultern durch den Wagen ging und Fahrkarten verkaufte
und zwickte und für Ordnung und Disziplin während der Fahrt
sorgte, hatte keine leichte Aufgabe. An jeder Haltestelle musste
der Schaffner zum Halten, oder wegfahren die Klingel durch
Ziehen des Lederriemens an der Decke betätigen. .Das Wort
Schwarzfahren hat man damals kaum gekannt.
Der Höhepunkt war wohl besonders
für die sportlichen Aussiger und Naturfreunde eine Fahrt in
nördlicher Richtung nach Tellnitz. mit der Einser. Vor dem
Aussiger Hauptbahnhof und an der Hauptpost begann besonders im
Winter und zu den Wochenenden das rege Treiben um einen Platz in
den alten Elektrische. Damals verkehrten noch Zugwägen und
Anhänger mit offenen Plattformen.. Hier wurden massenweise die
Skier angestellt, dass kaum noch Platz war ins Innere der Wägen
zu kommen. So manches Schimpfwort des Wagenführers und
Schaffners oder auch Schaffnerin über das Durcheinander der
Holzbretter und Stöcke auf der vorderen und auch hinteren
Plattform habe ich noch in meinem Ohr. Der Wagenführer welcher
in einem dicken Filzmantel gehüllt war und dicke Filzstiefel und
Fausthandschuhe anhatte, musste wahrhaft viel Kälte bei seiner
Dreiviertel Stunde dauernden Fahrt im Stehen, über Pockau,
Schöbritz, Auschine, Arbesau nach Tellnitz aushalten. Oft
fuhren. 2 Garnituren hintereinander voll beladen mit
Wintersportlern hinauf in die Höhe, ins schöne Tellnitztal. Von
der Endschleife der Einser Linie unterhalb des Bahnhofs der
Dux-Bodenbacher Eisenbahnlinie stapften Sie alle oft bei starken
Schneegestöber hinauf Richtung Adolfsgrün oder auch in Richtung
Schönwald. Hier in Tellnitz konnte sich auch der
durchgefrorene Wagenführer bis zur fahrplanmäßigen Rückfahrt im
Warteraum aufwärmen.
Ich bin einige Mal mit meinem 5
Jahre älteren Bruder, die Skier auf den Schultern und
Haselnussstecken an der Hand, fast eineinhalb Stunden von
Tellnitz bis nach Adolfsgrün gelaufen. Hier haben wir die damals
noch primitiven Holzbretter mit Lederriemen angeschnallt und
sind durch die herrliche Winterlandschaft über Schönwald ,
Nollendorf, durch tiefen Schnee, vorbei an der Kirche und der
Kaiserwarte (Carl Weiss Warte) am Nollendorfer Pass, hinunter
über Knienitz, entlang der Knienzer Ränder nach Königswald
gefahren. Hier wurden wir bereits von unseren Großeltern im
schönen Holzgrund im warmen Stüberl erwartet. Oft standen von
Großmutter frisch gebackene kleine runde Kleckselkuchen, belegt
mit Quark, Powidel, Mohn, Rosinen und Streußel für uns hungrige
Mäuler bereit. Öfter fuhren wir auch vom Tellnitzer Bahnhof mit
dem Dampfzug durch hohen Schnee und hohen Windwehen mit dem
Dampfzug nach Kleinkahn oder Königswald.
Auch eine Fahrt in
westlicher Richtung mit der Linie 3 und der 7 durch die
Teplitzer Strasse, vorbei am ATE Bahnhof und dem größten Gebäude
der Stadt, dem Verwaltungsgebäude der Chemischen über Prödlitz
nach Türmitz, oder mit der Linie 7 ebenfalls über Prödlitz nach
Karbitz, war für uns, ob Winter oder Sommer immer ein Erlebnis.
.Beide Orte hatten viele Möglichkeiten, rumzubummeln und auch in
guten Gasthäusern einzukehren. Erinnere mich an so manches Fest
in Türmitz, mit den vielen Buden. Besonders den Mohnmuschelmarkt
am Ostermontag und Dienstag haben wir kein Jahr versäumt. Was
war doch damals in Türmitz um die Kirche und den Schlossgarten
und angrenzenden Strassen für ein Leben. So etwas wird wohl uns
allen unvergesslich bleiben.
Abwechselnd fuhren die
Linie 4 und 5 von Pockau am Stadtpark vorbei, die Dresdner
Strasse zur Hauptpost und weiter hinunter zum Aussiger
Hauptbahnhof. Von hier ging es weiter vorbei an der Dulce durch
die Fünf Bogen in östlicher Richtung an der Elbe entlang, nach
Schönpriesen und mit der 5er bis Nestomitz. Ab beiden Orten gab
es soviel Ausflugsmöglichkeiten entlang der Elbe oder hinauf in
die bergige Landschaft.
In südwestlicher Richtung
elbaufwärts, vorbei an der Zuckerfabrik, der Staustufe, am
gegenüber liegenden Ufer das Wahrzeichen von Aussig, die
Burgruine Schreckenstein nach Wannov darf unsere 6er
Elektrische nicht vergessen werden. Wie oft sind wir im
Frühjahr zur Baumblüte, oder im Sommer und Herbst zur Beeren und
Obsternte zur Endstation nach Wannov gefahren Nach Salesl und
weiter in das so fruchtbare Elbetal flussaufwärts war es nicht
mehr allzu weit. Hier konnte man an vielen Häusern und den
Feldern im Frühsommer die ersten wunderbaren saftigen Erdbeeren
und später Mirabellen, Pfirsiche und anderes Obst genießen und
kaufen. Wenn es die Zeit erlaubte, war ein Aufstieg zum
Dubitzer Kirchl mit der herrlichen Aussicht oft eingeplant.
Für die Rückfahrt nach Aussig haben wir meistens einen der
vielen unvergessenen Dampfer der Böhmisch/Sächsischen
Elbeschifffahrt AG. benutzt. In Aussig an den beiden
Anlegestellen am Dampfschiffhotel war immer Hochbetrieb.
Die Linie 8 welche von der
Hauptpost über die Dresdner Strasse, vorbei am Stadtpark danach
links hinauf über die steile Beethovenstraße zum Stern nach
Kleische und im weiten Bogen entlang der Laubenhäuser, oberhalb
der Chemischen zum Spitalplatz in der Innenstadt zurückfuhr
sollte auch erwähnt werden.
Nach dem Bau der neuen Elbebrücke
1936 wurde die besonders notwendige Linie 11 nach Schreckenstein
gebaut. Es war nun eine große Erleichterung für viele Aussiger
und in der Umgebung wohnender Arbeiter, welche in der Firma
Schicht beschäftigt waren.. Auch das neu errichtete moderne
Schicht Hallenbad, welches besonders wir Jugendlichen sehr oft
benutzten, konnte nun mit der Linie 11 bequem erreicht werden.
Auch Obersedlitz die herrlichen dahinter liegenden Berge, oder
die Burgruine Schreckenstein, das Warmbad an der Elbe in
Sebusein war von der Endstation Schreckenstein gut erreichbar.
In dieser Zeit wurden auch einige neue modernere Triebwägen
angeschafft, welche besonders von Schreckenstein nach Kleische
und von dem Hauptbahnhof und der Hauptpost nach Karbitz, Türmitz
und Schönpriesen -Pockau eingesetzt wurden.
Diese unvergessenen 20er und
besonders 30er Jahre mit unserer Aussiger Elektrischen werden
wir Alle, welche zufrieden und glücklich bis zur Vertreibung in
Aussig lebten wohl nie vergessen und ewig in Erinnerung
behalten.
Herbert Lorenz Estenfeld / Würzburg